Karolina Sicinska

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01 _ Das Gewächshaus

Der erste Ort der vor meinen Augen auftaucht ist das Gewächshaus meiner Eltern. Er ist nicht unbedingt der Ort meiner Träume und Sehnsüchte, ich verbringe dort auch nicht mehr meine Ferien. Es ist der erste Ort, der mir eingefallen ist, den es nicht mehr gibt.

Wir lebten in Mojęcice, einem kleinen Dorf, ca. 60 km von Wrocław (Breslau) entfernt. Als meine Eltern dort ankamen, bestand das Dorf nur aus einigen wenigen alten, teils verfallenen Häusern aus der Vorkriegszeit und aus Sand. Sand, soweit das Auge reicht. Auch das Grundstück, das sie gekauft hatten, bestand eigentlich nur aus Sand. Nicht einmal Kartoffeln anbauen konnte man, so meine Oma. Aber ein Gewächshaus, das gab es noch nicht. Jedenfalls nicht so ein modernes, wie mein Vater es gebaut hat. Dort wurden die Pflanzen nicht mit dem Schlauch von Hand gegossen, sondern jede einzelne Pflanze wurde durch ein Röhrchen mit winzigen Löchern tröpfchenweise bewässert. Heute nichts Neues, aber wie gesagt, im Polen der 80er Jahre, das Neuste vom Neusten und ein Import aus dem Westen.

Und das ist auch das, an was ich mich erinnere. Den heissen Sand unter meinen Füssen. Im Sommer war ich immer barfuss unterwegs. Ob nun im Gewächshaus oder in der Nachbarsscheune, von dessen Dach wir auf Stroh sprangen oder dem naheliegenden Wald, in dem wir Häuser für die Schlümpfe bauten und deren Dächer wir mit Fichtennadeln bedeckten.

Und dann der Duft. Der Duft des heissen Sommers und der feuchten, schwarzen Erde. Ich liebte es durch die Reihen von Tomatenpflanzen zu rennen. Wie Ranken, kletterten sie an Drähten in die Höhe, Unendlich hoch, wie mir schien. Ein saftiges, weiches Grün in schwarzer, klebender Erde.

Noch immer habe ich keine Tomaten gefunden, die so riechen, oder gar so schmecken, wie die, die meine Eltern damals anbauten. Das ist der Ort, an dem alles in Ordnung war. Meine Eltern erst einige Jahre verheiratet und den gemeinsamen Träumen folgend.

Heute gibt es das Gewächshaus nicht mehr. Vor einigen Jahren haben immense Schneemassen das schon längst marode Dach zu Boden gedrückt und heute geht jeder seinen eigenen, übrig gebliebenen Träumen nach.

02 _ 17. April

Es ist schwer anzufangen. Mit dem Gewächshaus war es anders. Ein paar Worte „Orte, die es nicht mehr gibt“ und plötzlich erscheint ein Bild, ein Wort, Sätze. Plötzlich kenne ich die Geschichte, kenne das zu Schreibende.

Weitere Erinnerungsfetzen tauchen auf, fügen sich zusammen, fallen auseinander, weil sie eigentlich nicht zusammengehören. Wie ein Puzzle. Bruchstückhaft. Ausgelöst von einem Duft, einer Situation, einem Geschmack.

Und dann die Neugier, was war danach passiert? Augen schliessen, versuchen sich zu konzentrieren, die Erinnerung festhalten, weiterspinnen. Doch mit Erinnerungen ist es wie mit Träumen. Je mehr man versucht sich daran zu erinnern, desto schneller rinnen sie wie Sand durch die Finger. Jedes Korn ein Bruchstück.

Immer undeutlicher, der Leere entgegen. Schwarz. Nichts. Nur das brennende Gefühl das Damals noch einmal zu durchleben. Mit dem Gewächshaus war es anders.

Ich bemerke, wie ich abends dasitze und versuche mehr Erinnerungen zu finden, auszugraben, zu erfinden. Doch es gelingt mir nicht.

03 _ 18. April

Immer und immer wieder beginne ich bei der einen Erinnerung. Wie eingebrannt. Immer dasselbe Gefühl am Anfang. Wärme, es ist Sommer.

Immer wieder sehe ich meine alte Wohngegend. Früher einmal weisse, vierstöckige Betonbauten mit mehreren Treppenhäusern. Wahrscheinlich aus der Zeit der Solidarnosc. Im Grundriss, wie ein „L“.

Die Wohnungen, wie kleine Zellen. Weiss getüncht. Alles hörbar. Das Treppenhaus, der Nachbar links, rechts, über und unter der gemieteten Wohnung. Weisse raue Wände. Dann stehe ich draussen. Spüre die warmen Sonnenstrahlen. Es ist nicht zu heiss, es ist noch früh am Tag. Ich stehe an der braun gestrichenen Metalltür zu Nr. 21b. Drücke den kleinen rechteckigen Knopf, der mit Nr. 6 beschriftet ist.

Keine Namen. Anonymität. Austauschbarkeit.

Eine Mädchenstimme meldet sich: „Tak?“ „Hej, Magda. To ja, Karo.“ (.1.)

Ein lautes Summen. Ich ziehe die schwere Tür auf und trete ins eisige Treppenhaus ein. Im Sommer waren die Treppenhäuser immer kalt. Und auch im Winter, wenn der Kohleofen im Keller nicht ging.

(.1.) Hej, Magda. Ich bin's, Karo.

04 _ Lindenblütentee

Ich durchstöbere alte Bilder, hole sie aus ihrer Hülle im Album, lege sie auf den Scanner. Ein weisser Lichtstrahl fährt über jede einzelne kleine Farbinformation, die zusammen betrachtet einen Moment in meinem Leben ergeben.

Ein hundertstel, ein fünfzigstel einer Sekunde. Ein winziger Augenblick, der im Inneren eine Geschichte auslöst.

Aus einem Umschlag fallen Fotos heraus. Meine Mutter. Vier Jahre vor meiner Geburt, da war sie 23. Es ist ein Foto, das mein Vater im Botanischen Garten gemacht hat. Verträumt blickt sie nach unten. Ein Lächeln auf den Lippen.

Obwohl es der 09. Mai ist trägt sie einen gestrickten Mantel und einen dunklen Rollkragenpulli.

Woran hat sie gedacht, als mein Vater den Auslöser drückte? An die Zukunft? An ferne Länder? Einfach an den jetzigen Augenblick? Hat sie etwas gesehen, dass sie an ihre Kindheit erinnerte? Oder hat der Wind, der durch ihr Haar wehte auch einen Duft getragen, den sie kannte?

Sie lacht los, als ich ihr das Foto zeige. Nimmt es in die Hand, betrachtet es genauer. Und wieder dieses Lächeln. Irgendwo in der Vergangenheit.

Vielleicht kann man sagen, dass sie sich nicht nur erinnerte, sonder sogar entsann. Entsann von entsinnen. Seine Sinne nach innen richten. Aktiv. Die Gegenwart für einen Augenblick vergessen und nach etwas im Inneren suchen. Aktiv. Nicht durch Zufall, nicht durch den Duft von Lindenblütentee. (.1.)

(.1.) Marcel Proust. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. „Und wie in jenem Spiel, bei dem die Japaner in eine mit Wasser gefüllte Porzellanschale kleine Papierstückchen werfen, die sich zunächst nicht voneinander unterscheiden, dann aber, sobald sie sich vollgesogen haben, auseinandergehen, Umriß gewinnen, Farbe annehmen und deutliche Einzelheiten aufweisen, zu Blumen, Häusern, echten, erkennbaren Personen werden, ebenso stiegen jetzt alle Blumen unseres Gartens und die aus dem Park von Swann und die Seerosen auf der Vivonne [...], all das, was nun Form und Festigkeit annahm, Stadt und Gärten, stieg auf aus meiner Tasse Tee.

05 _ Sonnenblumenkerne

Sonnenblumenkerne. Schwarz weiss gestreift. Geröstet, nicht gesalzen.

In die Tüte greifen. Eine Handvoll. Der Kern in der Schale geschützt. Zum Mund nehmen. Mit den Zähnen die Schale der Länge nach aufknacken.

Mit der Zunge die zwei Schalenhälften auseinander drücken. Kauen. Die Schale auf den Boden fallen lassen. Schwarz weisses Chaos vor uns. Langsam aber stetig verschwinden die Kacheln. Sind unter den tropfenförmigen Schalen nicht mehr sichtbar. Kleine Hügel.

Im Hintergrund Gemurmel. Ein Lachen. Nur unterbrochen durch das Knacken der Schalen.

Es wird kühler. Lichter in Orange und kaltem Grün färben alles in eine skurile Szenerie.

Das ausgedorrte Gras, verstümmelt durch die Sonne, färbt sich in ein dunkles Meer aus Gestrüpp.

Kein Regen in Sicht. Nicht morgen und nicht in den nächsten Tagen.

Die Stimmung angespannt, elektrisiert.

Wir sind alleine. Młynek (.1.) verschwindet mit seinem Fahrrad hinter der nächsten Hausecke. Unser „Do jutra“ (.2.) schallt zwischen den Plattenbauten hindurch.

Wir gehen zur mintgrün gestrichenen Bank, setzen uns auf die Rückenlehne.

Deine Mutter wird uns morgen wieder die Hölle heiss machen. Wieder sind Hauseingang und die kleinen Treppchen mit Schalen übersäht.

Du hast immer noch deine Sonnenbrille an. Starrst auf deine Füsse oder vielleicht auch auf den Sand unter der Bank. Ich weiss, was du sagen wirst. Eigentlich möchte ich jetzt gerne nach Hause gehen.

Die paar Meter nur.

Du schweigst.

„No, to przedostani wieczór“, fange ich an. (.3.)

Endlich nimmst du die Brille ab.

Du hast sie den ganzen Sommer getragen. Auch im Schatten. Gedacht, ich würde nicht merken, dass du mich ansiehst.

Ein tonloses „no“ (.4.) verlässt deinen Mund.

„Przyjdziesz jutro też na golinę? Chcemy zrobić ognisko.“ (.5.)

„Nie wiem, Karo.“ (.6.)

Ich mag, wie du meinen Namen aussprichst. Es klingt so anders.

„Och, choć. Babcia kupiła kiełbaski u Kołodzieja i przywiosła ogórki z Mojęcic.“ (.7.)

Du drehst dein Gesicht zu mir. Lächelst.

„Musze iść. Jest późnio.“ (.8.)

Ich stehe auf.

Du greift mein Handgelenk.

„Nie idź jeszcze. Zostań.“ (.9.)

(.1.) Spitzname. Eigentlich Piotrek. Nachname vergessen.

(.2.) „Bis morgen.“

(.3.) „Na, der vorletzte Abend.“

(.4.) Umgangssprachlich: „Jepp“

(.5.) „Kommst du morgen auch zum Baggersee? Wir wollen ein Lagerfeuer machen.“

(.6.) „Ich weiss nicht, Karo.“

(.7.) Och, komm schon. Meine Oma hat Würstchen beim Kołodziej gekauft und Gurken aus Mojecice mitgebracht.“ Kołodziej: Familie, die einen Gemischtwaren- und einen Gemüseläden besessen hat.

(.8.) Ich muss los. Es ist spät.

(.9.) Geh noch nicht. Bleib.

06 _ Autofahrt

Hinten auf der Rückbank. Liegend. Schaue nach oben. Hellgrau. Der Gurt schneidet mir in die Hüfte. Kann nicht schlafen. Es ist Tag. Es ist warm. Autoluft. Ein Geruch, der in die Kleider kriecht und bleibt. Blauer Himmel, manchmal durch schwarze Linien zerschnitten. Manchmal sehe ich Äste, manchmal grosse Strassenschilder. Alles auf dem Kopf. Manchmal blendet mich die Sonne. Eingerahmt durch das Autofenster unseres roten Opel Kadet.

Im Radio rauscht es. Wieder die Station verloren. Wahrscheinlich haben wir ein Bundesland verlassen. Es geht Richtung Dresden/Görlitz. Hoffentlich keine Staus, hoffentlich keine ewigen LKW-Kolonnen.

Mindestens noch sechs Stunden.

Ich liege auf der rosanen Wolldecke. Ich denke, ich bin etwa sieben Jahre alt.

Die rosa Decke gibt es immer noch. Nun liegt sie in meinem Wagen.

Auch jetzt noch brauche ich sie während der Pausen.

Nur geht es meist nicht Richtung Osten, sondern in den Norden.

Früher war das Ziel Wrocław, heute Wiesbaden. Aber es war schon immer ein Zurück zu den Wurzeln, zurück nach Hause.

Keine acht bis zehn Stunden, sondern nur noch viereinhalb.

Kürzer.

Schneller.

Genauso ermüdend.

Alleine. Meistens.

07 _ Grenzen

Zum Ferienanfang und -ende mussten wir oft am Grenzübergang Görlitz/Zgorzelec warten.

Endlich an der Grenze, kurbelte mein Vater das Fenster runter. Übergab unsere Pässe dem deutschen Beamten. Dieser betrachtete ein Foto. Schaute ins Auto. Nahm den nächsten Pass, betrachtete das nächste Foto, blickte wieder ins Auto. Der Blick war unangenehm. Streng. Verachtend?

Später gewöhnte ich mir an so zu tun, als ob ich schliefe. Mit geschlossenen Augen zählte ich bis 60 und hoffte, dass wir weit genug von der Grenze entfern waren. Dass keiner uns anhalten würde, dass niemand unser Auto durchklopfen würde.

Komisches Wort „durchklopfen“. Im Polnischen klinkt es härter und nach dem, was man wirklich macht. Czepać, einen Teppich klopfen. Oder eben ein Auto. Ich weiss noch, wie manchmal Autos vor uns, scheinbar ohne Grund, raus gewunken wurden. Auf einen kleinen Parkplatz.

Uns hat man nie durchgeklopft, aber jedes Mal fuhren wir an um Auto gestapelten Gepäckstücken und Menschen vorbei, Koffern, Taschen, Kuscheltieren und Mitbringseln meist in Plastiktüten verpackt, Kaffee, Schokolade und Waschmittel aus dem Westen.

Und immer der Wunsch, nicht angehalten zu werden.

08 _ Der Sandberg

Vom Hügel in den Sand springen. Schlittern. Runter laufen. Die Füsse am weissen Sand verbrennen. Nochmals raufklettern, nochmals springen, nochmals kurz die Hitze spüren.

Immer, wenn ich später Geschichten hörte, von Kindern, die in alten Gruben spielten und von Sand verschüttet wurden, dachte ich an unseren Sandberg. Stellte mir die Kinder vor. Wie sie, genauso wie wir, den Sand unterschätzten. Lachten, kreischten, sprangen. Nicht bemerkten, wie sich mehr als nur die oberste Sandschicht löste, überrascht wurden von der Masse, die sich hinter ihnen sammelte, sie zu Boden drückte. Sie bedeckte, sie keine Luft bekamen. Bedeckt durch eine Lawine von Sand. Winzige Körnchen, die einzeln federleicht sind. Die anderen Kinder probieren es herauszugraben. So wie am Meer, beide Hände zu Schaufeln geformt. Stetige Bewegungen. Panische Bewegungen. Eines schafft es vielleicht einen Erwachsenen zu holen. Doch meist hörte man in den Radionachrichten: „Heute ist wieder ein Kind verschüttet worden“.

Wie kann es sein, dass uns nichts passierte? Dass wir einfach dieses verdammte Glück hatten? Dass unsere Unachtsamkeit keine Konsequenzen hatte, ausser vielleicht die aufgerissenen Knie und Hände?

Und heute fragst du mich, ob ich glücklich bin. Ich überlege. „Tu nie ma niczego do przemyślenia. Jesteś szcześliwa lub nie!“ (.1.)

Heute lebe ich. Du wirst vielleicht bald sterben, aber den Sandberg haben wir beide überlebt.

(.1.) Hier gibt es nichts zu überlegen/durchdenken. Du bist glücklich oder nicht!